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Nina Burri – Gold in Bewegung

Nina Burri – Gold in Bewegung

Auf der Bühne Schlangenfrau, im Leben 
Chamäleon: Nina Burri schmiegt sich in ständig 
wechselnde Gefilde. Wendig bewegt sich die 40-Jährige zwischen Weltmetropolen – und Wabern, ihrem Rückzugsort.

Der Vorhang öffnet sich. Darsteller in kunterbunten 
Kostümen betreten die Bühne, stimmen Lieder an und drehen Pirouetten. Kinder sitzen gebannt, Kopf an Kopf, mit offenen Mündern im Publikum. «Ich will auch auf die Bühne!», durchbricht eine Mädchenstimme die atemlose Stille. Es ist die kleine Nina Burri, gerade mal fünf Jahre jung. Während sie von diesem Schlüsselmoment erzählt, leuchten ihre blauen Augen auf – wohl genauso fiebrig wie damals, einzig haarfeinste Linien lassen erahnen, dass sie jenseits der Dreissig sein muss. Der Goldpartikel, der am unteren Wimpernkranz prangt, als gehörte er genau da hin, verstärkt den Glanz um das Auge – ein Bodypainting-Überbleibsel vom Fotoshooting, für das sie vorhin 
posierte.

Schlangenfrau Nina Burri verschmilzt mit 
kostbaren Schmuckstücken, handgefertigt von Goldschmieden aus der Region, zum Kunstwerk.

 

Sie schlängelte sich bis in die Glamourwelt

Als mit zehn Jahren ihr erster Auftritt kurz bevorstand, waren hinter der Bühne alle aufgeregt wie Schmetterlinge im Schuhkarton – ausser Nina. «Warum seid ihr eigentlich nervös, wir haben doch ein Jahr lang geübt?», raunte sie verdutzt in die auf und ab wippende Mädchenreihe. Üben ist bis heute die Antwort, wenn man sich augenreibend fragt, wie sie es schafft, sich derart zu verbiegen. Sich zu winden wie eine Schlange und zugleich grazil wie eine Katze zu wirken. Während unsereins den Reissverschluss am Rücken des Cocktailkleids kaum eigenhändig zukriegt, schaut Nina Hals über Kopf TV oder checkt Mails im Spagat. «Für mich ist Beweglichkeit normal, weil sie schon immer Teil von mir war», meint die Linkshänderin.

 

Hände mit verschiedenem Schmuck.

 

Schon mit sechs Jahren probte sie auf Zehenspitzen an der Ballettstange. Fortan dehnte sie ihre bewegende Begabung weiter aus. Mit dreissig Jahren wendete sie ihre Tanzkarriere, die gar ins legendäre «Moulin Rouge» führte, in eine neue Richtung: In China erlernte sie, sich akrobatisch zu verdrehen und zu verbiegen – die Kunst der Kontorsion. Während eines halben Jahres trainierte sie beinhart sechsmal pro Woche acht Stunden täglich, wie man die Arme ästhetisch verknotet oder sich mit den eigenen Füssen die Augen zuhält. Nina gilt als älteste Person, die je mit Kontorsion begonnen hat. Ihr Phänomen hält an, denn es gibt weltweit keine Artistin in ihrem Alter, die Shows auf diesem Niveau «auf die Hände stellt».

 

Nina Burri in sitzender Pose.

Detail-Ansicht auf Schmuck am Hals und an den Händen.

 

Im August dieses Jahres ist sie vierzig geworden, doch betrachte sie sich seither nicht etwa anders im Spiegel als vorher. «Ich weiss, was mir Fältchen bereitet: zu wenig Schlaf», lacht sie, «diese mit Schminke zu überdecken, sieht höchstens von weitem gut aus, von nahem bröckelt dann die Illusion.» Man schätzt die Künstlerin mit keckem Spitzbubenhaarschnitt, mittlerweile ihr Markenzeichen, sowieso jünger, als sie ist. In den USA, ihrem aktuellen Wohnort, musste sie zum Beweis ihrer Volljährigkeit schon öfters den Ausweis zücken. «Zu alt für dies, zu alt für das» ist ein Satz, den sie zwar oft zu hören bekam, aber nie selbst empfunden hat. Gedanken über das Alter, geschweige denn das Aufhören machen sich die anderen für sie – sie selbst nicht: «Warum sollte ich – meine Buchungslage ist besser als je zuvor. Jetzt will ich es wissen! Das Einzige, was mich stoppen könnte, wäre eine Verletzung.»

 

Nina Burri mit weit nach oben getrecktem Bein.

 

Neben Auftritten als Schlangenfrau moderiert, modelt und schauspielert die Bernerin. Es sei wichtig, authentisch zu bleiben und in eine Rolle zu schlüpfen, die dem Alter entspreche. «Gewiss werde ich mit fünfzig 
andere Shows zeigen als heute. Wie mit zwanzig im goldenen Catsuit zu performen, wäre eher peinlich», findet sie. Sie spricht ihre Choreographie «Goldeneye» von 2009 an, eine Hommage an James Bond, die ihr Türen zu Varietés und Manegen öffnete. Später nutzte sie verschiedene Castingshows, unter anderem «America’s Got Talent», als Sprungbretter – einmal eingetaucht, müsse man aber schon selber «weiterschwimmen», stellt sie klar. Mit drei bis vier Stunden Training pro Tag hält sie ihren Körper geschmeidig, ungeachtet der anstehenden Foto­­shootings, Werbedrehs oder Galas.

 

Hände mit verschiedenem Schmuck.

 

Während sie im Rampenlicht nicht mit Gold und Glitter geizt, mag sie es privat zurückhaltend. «Ich habe kaum Schmuck an. Nicht einmal als ich verheiratet war, trug ich einen Ring», sagt sie und beäugt kritisch ihre Hände. «Ich habe eine Phobie, dass der Ring festsitzt und ich ihn nicht mehr abbekomme», gesteht sie und trinkt einen zünftigen Schluck Wasser direkt ab der Flasche. Es sei ein Privileg, diese einfach am Hahn aufzufüllen, was sie am liebsten tue. In anderen Ländern sei das undenkbar. Nina ist eine Weltenbummlerin, die heute nicht weiss, wo sie übermorgen übernachtet. Für allfällige spontane Buchungen hat sie sogar stets ein Kostüm dabei. «Den packe ich auch immer ein», quietscht sie fidel und zeigt auf das kleine Plüschhündchen, «das ist jetzt auch schon 37 Jahre alt!» 
Unterwegssein empfindet sie nach wie vor mehr als Abenteuer, denn als Mühsal. «Wenn man es nicht liebt, aus dem Koffer zu leben, 
leidet man.»

 

Nina Burri in gold. Hände mit Schmuck am Gesicht.

 

Spagat von Aufmerksamkeit und Alleinsein

Sie kennt zwar Leute auf der ganzen Welt, doch einen Freundeskreis hat sie sich nirgends aufgebaut, schliesslich ist sie überall und nirgendwo zuhause. «Man muss es aushalten, auf der Bühne die grösstmögliche Aufmerksamkeit zu geniessen und kurz darauf mutterseelen-
allein im Hotel zu sitzen», erzählt sie. 2014 ist sie nach Miami 
ausgewandert, doch sieht sie Amerika für die Zukunft nicht als Heimat: «Vieles ernüchtert mich, vieles ist nicht so, wie es scheint.» Visitenkarten sind aus Papier und das ist bekanntlich geduldig … In ihrer schnell drehenden und sinngemäss kopfstehenden Welt ist ihr Elternhaus in Wabern ein wichtiger Fixpunkt. Hier, bei 
Mutter und Schwester, kommt sie zur Ruhe. Es sei gut zu wissen, dass zuhause alles beim Alten bleibt, 
bemerkt sie und wischt mit dem linken Daumen über das Display ihres Smartphones. Es hat beim Foto­shooting etwas Goldfarbe abgekriegt, weil sich die Bewegungskünstlerin es nicht verkneifen konnte, ein Selfie zu schiessen – für Instagram. Sie nutzt die Plattform seit deren Anfängen, wodurch sich bereits Zusammenarbeiten ergeben haben. «Die Challenge ist, die paar spannenden zwischen all den seltsamen Anfragen 
auszusieben», meint sie und zieht ihre buschigen Brauen vielsagend hoch. Mit Schnappschüssen, die sie beim Stretching, am Strand oder splitterfasernackt 
zeigen, sammelt sie tausende Herzchen.

«Heimat ist ein diffuses Gefühl.» Nina Burri

Nina Burri sitzend mit Beinen gerade nach oben.

 

Neue Facetten und Fotobuch im 2018

Viele Aufnahmen hält sie wohlweislich zurück – für ihr Fotobuch, das sie gemeinsam mit einem Schweizer Verlag für 2018 plant. «Bewusst nicht nur Aktfotos … schwarz-weiss oder farbig …», denkt sie laut über das mögliche Konzept nach. Auch dieses Projekt wickelt sie höchstselbst ab – anders als viele vermuten, hat die Kontorsionistin weder Management noch Chauffeur. Bisher hätten sie vermeintliche «Manager» nur enttäuscht, meint das Organisationstalent. Für einen eigenen Fahrer müsste sie noch berühmter werden, «… was wahrscheinlicher ist, als dass ich jemals selbst noch den Führerschein mache», spasst die Schlangenfrau. Bisher kommt sie mit Bus und Bahn ans Ziel. «Eine Hauptrolle in einem Film, die nur ich wegen meiner Beweglichkeit spielen kann», verrät sie einen weiteren Wunsch, dem sie mit Schauspielunterricht näherzukommen versucht. Bestimmt fliesst das Erlernte in ihre neue Nummer ein, die sie nächstes Jahr zum ers­ten Mal bei der Event-Reihe «Das Zelt» darbietet. Sie werde Facetten von sich zeigen, die man noch nicht kennt. Die Maske für die Show schlummert schon 
lange in ihrem Keller, nun will Nina diese endlich erwecken: «Jetzt ist der Zeitpunkt, mich auf der Bühne bewegungstechnisch neu zu erfinden.»

Da ist er wieder, dieser Glanz in den Augen.

 


Fotografin: Nadine Strub

Schmuck: Sabine Thuler, Punctum Aureum, Yvonne Schediwy, Goldschmiede Aeschlimann, Zigerli+Iff

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