Close

Hippies in Bern: Love, Peace & Music

Hippies in Bern: Love, Peace & Music

Ideale, weitschlagender als jedes Hosenbein. Haare, die beim Tanz wilder peitschen als die Flügel der
 Friedenstaube im Flug. Und Musik als Seele einer ganzen Subkultur. Hippie ist eine Haltung, die im Herzen wurzelt.

 

«If you’re going to San Francisco, be sure to wear some flowers in your hair. If you’re going to San Francisco, you’re gonna meet some gentle people there.» (San Francisco, Scott McKenzie, 1967)

Auf dem Nährboden patriarchaler Strukturen, Rassismus, Konservatismus und dem Vietnamkrieg erblühte sie: Die Flower-Power-Bewegung. Grosszügig statt kleinkariert, frei statt angepasst, individuell statt konform, (kollektiver) Koitus statt Blümchensex. Die Schwingungen der «Generation mit einer neuen Erklärung», die in San Francisco florierte, wandelte sich in ein Erdbeben, spürbar bis nach Bern. Im «Summer of Love» pilgerten Hunderttausende (er)lebenshungrige Blumenkinder nach San Francisco, um sich von Luft, Liebe, von psychedelischen «Grundnahrungsmitteln» zu ernähren. Eingeläutet wurde dieser «Sommer» mit dem Event «Human Be-In», unter den Gästen schillerndste Figuren der Hippie-Bewegung: LSD-Guru Timothy 
Leary, der Poet Allen Ginsberg, der den Begriff «Flower-Power» prägte, und «Jefferson Airplane». Die Band spielte zwei Jahre später auch an einem Happening, den die Veranstalter mit «drei Tage voller Frieden und Musik» anpriesen: dem Woodstock-Festival. Eigentlich geplant für 50 000 Blumenkinder, schwoften und schwebten schliesslich eine halbe Million Menschen zu den Melodien von hochkarätigen Acts wie Joan Baez oder Janis Joplin – und versanken im Matsch. Woodstock geht als Mythos in die Geschichte ein mit Bildern von nackt badenden Schönheiten, hüftlangem Haar und gehäkelten Westen – vergessen das Chaos, die schlechten Trips und welkenden Hippie-Ideale. Das Festivalgelände etwa war nur per Auto erreichbar und bekannte Künstler wie «The Who» oder «Blood, Sweat & Tears» kassierten stattliche 
Gagen. Für Münder, welche die ausufernde Lage trotzig weggrinsten, sorgten nicht zuletzt Meskalin und Marihuana. So farbenfroh, friedlich und fesselnd der Grossanlass auch sein mochte, die kollektive 
Erinnerung scheint eine rosarote Brille zu tragen, mit runden John-Lennon-Gedächtnis-Gläsern. Nach Woodstock verstummten die politischen Botschaften allmählich hinter wallenden Haaren und 
weiten Kleidern, Lebenshaltung wich Lifestyle. Nach San Francisco, 
geschweige denn Bethel, wo das Woodstock-Festival über die Wiese wirrte, schaffte es kaum ein Berner. «Wir erfuhren ja erst im Nach-
hinein, was dort abging», erinnert sich Rolf Weiss, der 1969 seine Lehre zum Fotografen abschloss.

«By the time we got to Woodstock, we were half a million strong,
and everywhere was a song and a celebration. And I dreamed 
I saw the bomber jet planes riding shotgun in the sky, turning into butterflies above our nation.» (Woodstock, Grosby, Stills, Nash & Young, 1970, Cover)

 

«Grosby, Stills, Nash & Young», «The Grateful Dead», Jimi Hendrix – Musikernamen, bei denen Rolf Weiss, Erinnerungen laut ertönen. «Oft ging ich in der Mittagspause rüber zu Kilchenmann. Dort wählte ich eine Schallplatte aus und hörte sie mir in einer Kabine an, kaum grösser als eine Telefonzelle. Ich frönte der Musik, die ganze Mittagspause über … und rauchte und rauchte. Danach ging ich zurück zur Arbeit, Zeit zum Essen blieb halt keine mehr.» Mit dem Vinyl «Best-of Woodstock» wurde auch daheimgebliebenen Blumenkindern eine Scheibe des Mythos zuteil. Legendär das Liebespaar auf dem 
Cover, das sich wie am Ende einer Schlacht müde, aber liebevoll umarmt, inmitten ausgezehrter Leiber. In jungen Jahren fotografierte Rolf Weiss die Mode der Hippies, ein Spiegel deren innerer Haltung. Was gerade hip war, fanden die Berner Blumenkinder in der Boutique 
Kitchener, die Eva und Jürg Huber, zusammen mit Subo Mischer, 1967 gründeten. Zwei Jahre später bezogen sie ein grösseres Lokal an der Münstergasse 35. «Während im Ladeninnern die Lautsprecher heisse Rhythmen speiten, liessen im Schaufenster tanzende Go-Go-Tänzerinnen und Tänzer ahnungslose Passanten aus allen Wolken fallen», stand am Tag nach der Wiedereröffnung in der Zeitung. «Das Schaffen der jungen Leute (die Frau ist in Fragen der Kompetenz gleichberechtigt) zeigt sich in einem gelungenen Shop mit starkem Pop-Akzent» (Quelle: «Tagwacht» Nr. 276, 25.11.69). Zwischen den Wänden, mit psychedelischen Farben und Mustern gestaltet, stöberte die Jugend in Schallplatten oder Farbpostern. Sie behängte sich mit indischen Fusskettchen und streifte sich mit Fransenjacken, flatterigen Blümchenkleidern und Schlaghosen die Anti-Establishment-Attitüde über. Das Motiv für das legendäre Werbeplakat geht auf die Linse von Rolf Weiss zurück: «Seafarer Dungarees» hiessen die hippen Hosen mit Schlag, gebleicht in nächtlicher Heimarbeit. «Let it Bleach!» Die Hosenbeine, so weit, als wolle man damit alles zerschlagen, was «square», spiessig, war. Die Schlaghose ist heute festgenähter Bestandteil in Kollektionen führender Modeketten, quasi als domestiziertes Relikt der Regenbogen-Ära. Auch die Strahlkraft des schwarzen Shirts mit weissem Aufdruck der Friedenstaube auf einem Gitarrenhals, dem Symbol von «Woodstock», verbleicht nicht. «Selbstverständlich habe ich meine Batzen zusammengekratzt, um so ein Shirt zu ergattern», erinnert sich Naima Rhyn, «schliesslich ging es darum, ein Zeichen zu setzen.»

«Klar hatten wir alle lange Haare und kifften. Allein von Luft und Liebe lebte aber keiner, wir gingen einer geregelten Arbeit nach. Was die Musik anbetrifft, da waren wir waschechte Hippies.» Fotograf Rolf Weiss

«All the leaves are brown, and the sky is gray. I’ve been for a walk on a winter’s day. I’d be safe and warm, if I was in L.A. California dreamin‘ on such a winter’s day.» (California Dreamin,, The Mamas and the Papas, 1966)

Naima Rhyn träumte zwar nicht von L.A., aber von New York. Und vom Tanzen. Aufgewachsen in einem erzkonservativen Elternhaus, wollte sie schon als Kind nichts lieber als singend Pirouetten drehen. Das Wenige, was ihr die Eltern erlaubt hatten, kostete sie aus. Etwa durfte sie in einem Chor mitsingen. Als dieser nationale Berühmtheit erlangte, öffneten sich neue Türchen für das verträumte Kind, beispielsweise jene des Stadttheaters. «Ab elfjährig war es vorbei mit dem Musterkind», sagt sie und wirft ihre silbergraue Mähne zurück. Nicht minder wallend als damals in der Spät-Hippie-Zeit, als sie sich in gebatikte Gewänder hüllte, die ihr Freunde aus Afghanistan mitgebracht hatten. Vergeblich hat Naima kürzlich im Keller nach den entsprechenden Zeitdokumenten gesucht. «Die Hippie-Bewegung ermöglichte mir, mich frei zu entfalten. In dieser bunten Welt musste ich mich nicht rechtfertigen für meine Kunst.» Blutjung bewegte sie sich in der «hippiesken» Szene von Bern, die in der «Quick Bar» oder in der «Tinte» abhing. Viele dieser Musiker gingen bei Naima zuhause ein und aus. «Lustigerweise hatte meine Mutter einen Narren an den langen Haaren der Jungs gefressen, … die natürlich bekifft waren», 
grinst Naima. Mit 18 Jahren hatte sie eine Empfehlung für ein Tanzstipendium in der Jutetasche, ausgestellt von Alain Bernard. Der renommierte Tanzlehrer eröffnete 1959 an der Brunngasshalde die erste Musicalschule der Schweiz. Mit 18 Jahren damals noch nicht volljährig, wollten ihr die Eltern die Auslandsreise verbieten. Naima handelte einen Deal aus: Sie heiratete ihren langjährigen Freund und durfte dafür in die USA fliegen.

«Let us be lovers, we’ll marry our fortunes together. I’ve got some real estate here in my bag. So we bought a pack of cigarettes and Mrs. Wagner’s pies and we walked off to look for America.» (America, Simon & Garfunkel, 1968)

Neues Leben, neuer Name, sagte sie sich. Auch im Bewusstsein, dass «Gaby» nach ihrem Taufnamen «Gabrielle» nicht gerade nach Weltstadt-Showbusiness klang. Ihr Mann spielte ihr die Jazz-Ballade von John Coltrane vor: Naima. Naima. Naima, das passte, damit identifizierte sie sich fortan. Das Heiratsgeld teilten sie auf, ihr Mann nahm einen Lehrauftrag in Brasilien an, und sie ging nach New York, um zu tanzen. «Das New York der 70er-Jahre war ein zu heftiges Pflaster für mich, ich war zu sensibel. Die Stadt war düster, brutal.» Die Rassentrennung war formell aufgehoben, eines der zentralen Anliegen der Hippie-Bewegung, doch faktisch immer noch existent. Die Hierarchien zwischen Schwarzen und Weissen waren noch immer nicht aufgebrochen, Ausgrenzung alltäglich. «Love, Peace und Happiness tönt gut. Doch die Ideale bloss zu benennen, verändert nichts. Man muss sie verinnerlichen und tagein, tagaus leben. Permanentes Zudröhnen hat noch keine Gesellschaft tiefgreifend verändert.»

«Cellophane flowers of yellow and green towering over your head. Look for the girl with the sun in her eyes and she’s 
gone. Lucy in the sky with diamonds. Lucy in the sky with diamonds. Lucy in the sky with diamonds.»
(Lucy in the sky with diamonds, The Beatles, 1967)

 

Hippies ohne Drogen, das war wie Hendrix ohne 
Gitarre. Ein Hit Meskalin kostete am Woodstock-Festival gerade mal vier Dollar. Naima zog auch hin und wieder an einem Joint, «stoned» sein war aber nicht ihr Ding. Wenn, dann so, dass sie ihr Bewusstsein tatsächlich erweiterte – nicht verlor. Fasziniert durch ein Buch von Timothy Leary probierte sie auch Meskalin und LSD aus. «Mach dich an, stell dich dumm, spring ab», lautete der kategorische Imperativ, den der LSD-Popguru verkündete. Leary propagierte den freien Zugang zu psychedelischen Drogen, verherrlichte sie als Heils- und Happiness-Bringer. Die Blumenkinder beteten ihn als Hohepriester des Highseins an. Bekannte Bands vertonten ihre Trips, verabreicht von Leary höchstpersönlich. Auf seiner Flucht kam «der gefährlichste Mann Amerikas» 1971 in die Region. 1972 nahm er in einem Bauernhaus in Rüschegg Songs mit experimentierfreudigen Musikern auf. Als die USA seine Auslieferung forderten, setzten sich Aktivisten wie Sergius Golowin für ihn ein. Der Autor galt in Bern «als wichtigster Vermittler von sagenhafter Volks- und internationaler Hippiekultur». Auch er nahm an Diskussionsabenden im legendären Kellerlokal «Junkere 37» teil, damals der wichtigste Treffpunkt der Nonkonformisten (Quelle: «Gutes Leben oder gerechte Gesellschaf?», Fredi Lerch). Das war, was Naima interessierte: Die hitzigen, politischen Debatten zwischen Rauchschwaden und billigem Fusel, auch in deutschen Kommunen, bei denen sie mit ihrem Mann zu Gast war. «Wir diskutierten wie die Verrückten, was man alles anders machen müsste.» Rückblickend waren dies die Momente, in denen ihr erstmals bewusst wurde, wie essenziell die respektvolle, wertschätzende Kommunikation ist.

«When the garden flowers, baby, are dead, yes, and your mind, your mind is so full of red. Don’t you want somebody to love. Don’t you need somebody to love. Wouldn’t you love somebody to love. You better find somebody to love.» (Somebody to love, Jefferson Airplane, 1966)

«Flower-Power ist keine Konsum-, sondern eine Wertehaltung. Es bedeutet für mich, meine Eigenständigkeit auszuleben, im 
Reinen mit mir selbst. Etwas in der Gesellschaft zu bewegen, ist nur möglich, wenn man sich innerlich bewegt.» Artistin & Coach Naima Rhyn

Als «blauäugige Heidi aus der Schweiz» erlebte sie hautnah, wie Hippies in gewissen Kommunen «Love» verstanden. «Freie Liebe?», Naima verwirft die Hände vor dem Kopf, «freie Liebe!». Das Fluidum der Zeit habe es erst möglich gemacht, die Sexualität derart frei bis archaisch auszuleben. Aus heutiger Sicht schwer nachvollziehbar. «Die Idee, die Sexualität frei auszuleben, finde ich grossartig. Sie wirft aber Fragen innerhalb der Zweierkiste auf, was viel Arbeit erfordert.» In den Kommunen wurde jedoch oft nicht gefragt: Nach dem Hauruck-Prinzip zerschellten alle bisherigen Prinzipien an der Bettkante. Hau rein, gestochen oder gehauen. Die Verletzlichkeit, wohl ein Urgefühl, wurde ad hoc unter den wollüstigen Leibern begraben.

«Ich empfand es als Rebellion gegen die konforme Lebensform, aber mit verwandten Mitteln: Regeln. Die propagierte Individualität ging im Jede-mit-Jedem unter. Wer nicht mitgemacht hat, galt als prüde.» Wird die Hippie-Zeit im Nachhinein romantisiert? «Nicht danach, schon währenddessen», sagt sie nüchtern und trinkt einen Schluck Ingwertee. Als Frau, welche die Veränderung im Aussen gesucht hat, sei es ein langer Weg gewesen, diese im Inneren zu vollziehen. «Es geht darum, sich mit sich selbst zu versöhnen, sogar mit dem eher bünzligen Teil. Die Flower entfaltet ihre Power eben nur, wenn man sie hegt und pflegt», meint sie und blickt zum Fenster hinaus. In ihrem kleinen Garten spriessen die Blumen im Sommer so üppig, dass Passanten verzückt stehenbleiben.

Spüren Sie dem Spirit der Hippie-Zeit nach und hören Sie die passende Musik zur Titelstory.

 

Naima Gabrielle Rhyn: Im zarten Alter von 12 Jahren ist Naima Rhyn in den Fluss der Flower-Power-Bewegung eingetaucht. Angezogen von Freiheit, dem Leben nach eigenen Regeln, konnte sie sich in der bunten Welt künstlerisch entfalten. Nach Aufenthalten in den USA und Brasilien kehrte sie nach Bern zurück. Mit ihrer Fusion-Band «The Chameleon» feierte sie Erfolge über die Landesgrenzen hinaus. Heute bietet die Mutter von zwei  erwachsenen Töchtern Coachings im Bereich der Teamkommunikation an. Ausserdem tritt sie weltweit mit dem Ensemble «Rigolo Swiss Nouveau Cirque» auf. Ihre Performance, die «Sanddorn»-Balance, ist sanft und zugleich voller femininer Energie.

Rolf Weiss: Von 1965 bis 1968 absolvierte Rolf Weiss bei Zumstein die Lehre zum Fotografen. Er sieht sich selbst mehr als Beobachter, denn als Teil der Hippie-Bewegung, wobei er ein grosser Fan war von «Easy Rider». Schon in jungen Jahren fotografierte er die aktuelle Hippie-Mode für die Berner Boutique «Kitchener». Für namhafte Kunden reiste er ab den 70er-Jahren rund um den Globus, von Spanien bis Sri Lanka. Mit 50 Jahren erfüllte sich der Berner seinen Jugendtraum: Eine Motorradtour auf der «Route 66».

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Close