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Im Kontrast verbunden

Im Kontrast verbunden

Sie kreiert aus dem Bauch heraus, er aus dem Kopf: Janet Müller und Mark Inderbitzin finden im Gegensätzlichen 
das ­Gemeinsame. Bald stellt das Zürcher ­Künstlerpaar 
seine schwarz-­weissen Werke erstmals zusammen aus.

Bin ich in ihrer Stube oder in ihrer Galerie? In ihrem Gäste­zimmer oder in ihrem Atelier? Es ist jeweils beides richtig. Falsch gibt es sowieso nicht – zumindest nicht in der Kunst, davon ist Janet Müller überzeugt. Ihr Partner, Mark Inderbitzin, nicht – zumindest nicht ganz.

Janet Müller und Mark Inderbitzin stellen ihr umfassendes Werk von Zeichnungen bis hin zu Video-Installationen zum ersten Mal gemeinsam aus, vom 18. Oktober bis am 1. Dezember 2018 in der «Galerie 94» in Baden. www.galerie94.ch

Sie sei der Luftikus, er der Bodenständige, plappert Janet drauflos. Drauflos, das beschreibt auch ihren Arbeitsprozess treffend. Sie folgt einem Impuls wie im Rausch, in dem sie sowohl die Türklingel als auch ihr eigenes Magenknurren überhört. Ich stelle mir vor, wie sie ihr Innerstes nach aussen dreht, als würde sie Karussell fahren. Als würde sie im Taumel mit den Händen nach verschwommenen Fragmenten tasten, die an ihr vorbeiwirbeln. Bildbruchstücke, die immer wieder kommen und immer wieder gehen. Dafür ist die Wohnung ihr schützender Kokon, wo ihre Seele nach aussen schlüpft.

«Auf Aufforderung kann ich nicht zeichnen, nicht einmal ein Auto», lacht die quirlige Künstlerin. «Wenn ich Pinsel und Tusche zur Hand nehme, weiss ich nie, was dabei rauskommt.» Viel jedenfalls. So viel, dass Mark nach all den Jahren noch immer über Janets Produktivität staunt.

 

 

Sensibler Blick hinter die Masken: Janet Müllers Werke berühren mit nur wenig Pinselstrichen.

 

Aufwühlende Ästhetik

Er kann es manchmal kaum fassen, was sie an einem einzigen Tag erschafft. Zeichnungen übersäen den Boden, sodass er die gemeinsame Wohnung kaum wiedererkennt, wenn er abends von der Arbeit heimkehrt. Ich stelle es mir vor wie einen raumfüllenden Teppich, gewoben aus einzelnen Zeichnungen mit abstrakten Gesichtern. Einzelne ­Visagen – sensible, berührende, verstörende – formieren sich zum Volk von Maskenlosen. Dies ist das Thema, das Janet seit über zehn Jahren fesselt und ihre Schaffenskraft entfesselt: Die ungeschminkten Gesichter der Gesellschaft, die sich hinter (makellosen) Masken verbergen. Indem sie tief und tabulos in ihrer Seele wühlt, zeichnet sie gegen die Oberflächlichkeit an. Beispielsweise tauscht sie bei Frauen­bildern, oft aus Modemagazinen, die glattgeschliffene Perfektion gegen raue Emotion aus. Dabei ist wenig genau genug, eine mitfühlend gezogene Linie hier, ein entschiedener Klecks da. «Ich muss meine Kunst oft erklären, doch das kann ich im Grunde gar nicht. Wenn ich es könnte, wäre ich wohl Schriftstellerin.»

Wuselig am Werk: Am Boden zu arbeiten, erdet ihr sprunghaftes Wesen, das Mate­rial muss die Autodidaktin mit den Händen erfühlen, um damit Berührendes zu gestalten. www.muellerjanet.com

 

Sie denke nicht darüber nach, was sie tue, sondern tue es einfach. Er hingegen denkt genau darüber nach, was er tut: Mark hat in konzeptionellen Langzeitstudien seinen Weg gefunden, neben dem Vollzeitjob Kunst zu schöpfen. Zu gesellschaftlichen Phänomenen wie dem Multitasking führt er serielle Selbstexperimente durch. Indem er sich zum Beispiel auferlegt, Bücher zu lesen und gleichzeitig Striche zu Papier zu bringen, versetzt er sich gezielt in eine stressdurchwirkte Simultansituation, um daraus Erkenntnisse für seinen Schaffensprozess zu gewinnen. Daraus entsteht sein Rohmaterial aus Strichgewirren, das er in weiteren Prozessen in Kaltnadelradierungen transferiert.

Linien einer Langzeitstudie: Mark Inderbitzins Selbstexperimente handeln von gesellschaftlichen Phänomenen wie dem Multitasking.

Schwarz malen zum Feierabend

Er genehmigt sich auch zum Feierabend Farbe, wenn er die x-te schwarze Fläche auf die Leinwand aufträgt. Ich nehme mir Zeit, das Mehr im Schwarz zu sehen, denn der Hintergrund liegt tiefer, dreissig Schichten tiefer: Mark lässt die Alltagshektik hinter sich, indem er monoton malt. Runterfahren, nennt er es. Schwarz, seit fünf Jahren jeden Abend, Schwarz. Beim Gedanken, sich derart lange in eine Kreation zu vertiefen, verwirft Janet die Hände vor dem Kopf, sodass sich ihre Geste vage im Schwarz spiegelt. Für das Energiebündel unvorstellbar.

Schichtweise Schwarz: Mark Inderbitzin malt schwarze Flächen, die minimalistisch und doch nicht zu übersehen sind.

Sie hängt ihr Herz nicht nur in ihre eigene, intuitive Kunst, sondern auch in den «Kunstsalon Zurich», den sie vor drei Jahren gründete. Der «Art Space» befindet sich mitten im Secondhand-Laden, wo sie nebenbei jobbt. «Ich bin ein Freigeist – und genauso frei soll die Kunst sein», fasst sie ihre Idee zusammen. Neben Ausstellungen aktueller Kunst, Kunst im öffentlichen Raum und Workshops initiiert sie auch Projekte wie den «Tausch-Rausch». Alle Kunstwerke sind unverkäuflich! Wer eines begehrt, muss es gegen ein anderes eintauschen – ob Gemälde, Gedicht oder vor Ort selbst erstellte Skizze. Alle können Kunst kreieren – zumindest für einen Moment, ist ­Janet überzeugt. Mark nicht – zumindest nicht ganz. Harmonischer als hier sind die Kontraste wohl nirgends.

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